Abbruch der Gespräche und die Dreiklassengesellschaft

Worum geht es beim aktuellen Tarifkonflikt?
Bei der letzten Tarifverhandlung 2024, bei der die aktuellen Tarife bis zum 31.12.2026 auf den Weg gebracht wurden, gab es eine Vereinbarung zwischen BIV und IG BAU für Gespräche über eine mögliche Jahressonderzahlung für Gebäudereiniger. Großes Aber: nur als Gewerkschaftsbonus. In der Diskussion war eine Jahressondervergütung für:
- Gebäudereiniger und Gebäudereinigerinnen, die Gewerkschaftsmitglieder der IG BAU sind.
- Gebäudereiniger und Gebäudereinigerinnen, die in einem Gebäudereinigungsunternehmen arbeiten, das in der Innung ist.
Die Gebäudereinigung: Beschäftigungsstärkstes Handwerk in Deutschland
Dazu muss man wissen: Die Gebäudereiniger bezeichnen sich als beschäftigungsstärkste Branche im Handwerk. Dem ist auch so. Mit rund 700.000 Beschäftigten (Stand 2025/2026) führt dieses Gewerk die Statistik deutlich an. Etwa jeder neunte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im gesamten deutschen Handwerk ist in der Gebäudereinigung tätig.
Top 3 Handwerke nach Mitarbeiterzahl:
- Gebäudereiniger: ~ 700.000
- Kraftfahrzeuggewerbe: ~ 435.000
- Elektrotechniker: ~ 390.000
Der geringe Organisationsgrad und seine Gründe
In der Gebäudereinigung ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad traditionell eher gering, was mit der hohen Fluktuation und dem großen Anteil an Teilzeit- sowie Minijobs in der Branche zusammenhängt. Experten schätzen den Organisationsgrad auf etwa 5 % bis 10 % der Beschäftigten. Bei rund 700.000 Beschäftigten entspricht dies etwa 35.000 bis 70.000 Mitgliedern innerhalb der IG BAU.
Die Gründe für die niedrigen Zahlen sind vielfältig:
- Struktur der Beschäftigten: Viele Minijobber und Quereinsteiger erschweren eine langfristige Bindung.
- Sprachbarrieren: Hoher Anteil an Beschäftigten mit Migrationshintergrund.
- Allgemeinverbindlichkeit: Auch Nicht-Mitglieder profitieren vom Branchenmindestlohn, was den Anreiz für Beiträge senkt.
Meine Meinung: Der Weg in die Dreiklassengesellschaft
Eine zusätzliche Jahressondervergütung würde somit rund 70.000 von 700.000 Beschäftigten maximal treffen. Man muss berücksichtigen, dass dies nur für Innungsbetriebe gelten würde. Aus meiner Sicht der Weg in eine Zweiklassengesellschaft in dieser Branche.
Dabei darf man nicht vergessen: Gewerkschaftsmitglieder haben bereits Anspruch auf ein zusätzliches Urlaubsgeld (ZUG).
- Gewerblich Beschäftigte: Anspruch auf 1,85 Tarifstundenlöhne pro Urlaubstag.
- Angestellte: Im aktuellen Rahmentarifvertrag (RTV) gibt es keine Regelung für ein zusätzliches Urlaubsgeld.
Vergleich der Leistungen 2026 (Beispiele):
| Lohngruppe | Stundenlohn 2026 | ZUG (Gesamtjahr/30 Tage) |
|---|---|---|
| LG 1 (Unterhaltsreinigung) | 15,00 € | 832,50 € |
| LG 6 (Glasreinigung) | 18,40 € | 1.021,20 € |
| Angestellte | (Monatsgehalt) | 0,00 € |
Das Vergessene Segment: Die Situation der Angestellten
Wer sich über die 0,00 € bei den Angestellten wundert: Seit 2004 haben angestellte Gebäudereiniger keinen Tarifvertrag. Sie arbeiten nahezu alle außertariflich. Menschen mit Personalverantwortung verdienen oftmals weniger im Monat als ein nach Tarif bezahlter Glasreiniger. Sprich, wir haben in der Gebäudereinigung in der Zwischenzeit eine Dreiklassengesellschaft.
Die Annahme, dass Angestellte dies über Einzelverträge regeln, ist unbelegt. Ohne tariflichen Schutzschirm stehen viele Angestellte oft schlechter da als die gewerblichen Kollegen. Es handelt sich schlicht um eine tarifpolitische Lücke und fehlende Transparenz. Es gibt bei diesem ganzen Thema somit nur Verlierer.
Position der Arbeitgeber (BIV) und
Nun poltern die Arbeitgeber mit dem BIV und warnen vor finanziellen Belastungen ohne wirtschaftliche Erholung. Christian Kloevekorn (BIV) betont, dass zusätzliche Belastungen nicht darstellbar seien und Arbeitsplätze gefährden würden.
Zitat aus der Pressemeldung.
Nach Jahren der Rezession und Stagnation sind weitere finanzielle Belastungen für die Unternehmen ohne spürbare wirtschaftliche Erholung schlicht unverantwortlich, warnt der Unternehmensverband.
„Bereits die erste Verhandlungsrunde hat unmissverständlich gezeigt, dass die IG BAU die wirtschaftliche Realität vieler Betriebe ausblendet. Trotz fortgesetzter Stagnation, massiv gestiegener Kosten und erheblicher wirtschaftlicher Unsicherheiten hält die Gewerkschaft an Forderungen fest, die unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht verantwortbar sind.
Damit fehlt jede tragfähige Grundlage für sachgerechte und zielführende Tarifgespräche. Vor diesem Hintergrund haben wir nach intensiven internen Diskussionen diese Tarifrunde bewusst und auf Grundlage eines einstimmigen Beschlusses unserer Gremien beendet.
Die Betriebe stehen derzeit unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Zusätzliche tarifliche Belastungen sind nicht darstellbar. Wer diese Realität ignoriert, gefährdet nicht nur einzelne Unternehmen, sondern auch Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Stabilität der gesamten Branche.“
…der Gewerkschaft (IG BAU)
Dem gegenüber steht die IG BAU mit großem Unverständnis. Ulrike Laux kritisiert den Wortbruch, da Zusagen zur Verhandlung über die Jahressonderzahlung nun kassiert würden. Wer Fachkräfte halten wolle, müsse zeigen, dass ihre Arbeit auch im Geldbeutel etwas wert ist.
Mit großem Unverständnis reagiert die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) auf den Abbruch der Gespräche zur Jahressonderzahlung in der Gebäudereinigung durch die Arbeitgeber des Bundesinnungsverbands des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV). Noch in der letzten Tarifrunde hatten die Arbeitgeber zugesichert, über eine Jahressonderzahlung zu verhandeln. Jetzt ziehen sie sich zurück – mit dem Hinweis, es gebe keinen finanziellen Spielraum und man könne eine solche Zahlung den Kunden nicht erklären.
“Damit lassen die Arbeitgeber das Vertrauen der Beschäftigten im sprichwörtlichen Keller stehen”, sagt Ulrike Laux, Vorstandsmitglied der IG BAU und Verhandlungsführerin. “Tarifverhandlungen leben von Verlässlichkeit. Wer Zusagen macht und sie anschließend kassiert, beschädigt das Fundament, auf dem diese Branche steht.”
Gleichzeitig erklären die Arbeitgeber, sie hätten trotz Arbeitskräftemangels keine Probleme, Personal zu finden. Die Realität in den Betrieben zeichnet jedoch ein anderes Bild: Viele verlassen die Branche, weil Anerkennung und finanzielle Perspektiven fehlen. “Man kann nicht weiter am Fundament sparen und erwarten, dass das Haus stabil bleibt”, warnt Laux. “Wer Fach- und Arbeitskräfte halten will, muss zeigen, dass ihre Arbeit etwas wert ist – nicht nur in Worten, sondern auch im Geldbeutel.”
Quelle: https://igbau.de/
Fazit: Fairness statt Polemik gefordert
Die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Bedeutung dieser Branche und ihrer gesellschaftlichen Wertschätzung ist extrem. Reinigung wird oft als „Sowieso-Leistung“ wahrgenommen, die harte körperliche Arbeit bleibt unsichtbar. Wir beobachten eine massive Leistungsverdichtung bei gleichzeitigem Preiskampf.
Meine Kernforderung:
- Ganzheitliche Wertschätzung: Fairness umfasst Arbeitsbedingungen, Quadratmeterleistung und soziale Absicherung für alle – gewerbliche Kräfte und Angestellte.
- Ende der Schlammschlachten: Sachliche Lösungen müssen vor polemischen Pressemitteilungen stehen.
- Dienstleistung am Menschen: BIV und IG BAU leben von diesen 700.000 Menschen. Sorgen Sie für einen Rahmen, der ein würdevolles und „sauberes“ Arbeiten ermöglicht.
Was denken Sie über die aktuelle Situation?
Besonders die Situation der Angestellten wird oft übersehen. Gehören Sie dazu? Wie denken Sie über die fehlende tarifliche Absicherung seit 2004?
Ist die Sonderzahlung nur für Gewerkschaftsmitglieder in Innungsbetrieben ein fairer Bonus oder spaltet sie die Branche weiter?
Ich freue mich auf Ihre Meinung! Schreiben Sie mir unten in den Kommentaren.
Quellen:
Pressemeldung BIV (Download PDF)
Pressemeldung IG-Bau (Download PDF)


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