Mein Abschied aus dem Dreischeibenhaus
Der letzte Arbeitstag als Objektleiter ist ein seltsamer Tag. Von Februar 2024 bis Juni 2026 war ich Objektleiter im Dreischeibenhaus – zweieinhalb Jahre, die sich beim Räumen des Schreibtischs und der Abgabe von Schlüssel und Ausweis plötzlich sehr kurz anfühlten und gleichzeitig wie ein abgeschlossenes Kapitel. Was mich in diesen letzten Tagen im Dreischeibenhaus wirklich überrascht hat, war nicht der Abschied selbst. Es waren die Rückmeldungen, die ich bekommen habe – von Kunden, von Mietern, von Nachunternehmern, von Kollegen, mit denen ich über Jahre zusammengearbeitet habe. Manche kannte ich gut, manche hatte ich nur ein einziges Mal für eine akute Störung am Telefon. Die Reaktionen kamen trotzdem, ehrlich und ohne Floskeln.
Ich habe diese Nachrichten nicht gesammelt, um sie mir schönzureden. Ich habe sie gelesen, weil sie etwas zeigen, das man als Objektleiter selten schwarz auf weiß bekommt: wie die eigene Arbeit tatsächlich ankommt, wenn niemand mehr etwas von einem will. Genau darum geht es in diesem Artikel – um das, was in diesen Zeilen steht, und was es fachlich bedeutet, mit 60 noch einmal bewusst einen neuen Weg einzuschlagen.
Das Wichtigste in Kürze
- Rückmeldungen von Kunden, Mietern und Nachunternehmern beim Abschied aus dem Dreischeibenhaus zeigen ein durchgängiges Muster: Verlässlichkeit, Klarheit und Respekt wurden am meisten geschätzt – nicht Perfektion.
- Gerade in einem komplexen Objekt mit vielen Beteiligten ist Vertrauen kein weicher Faktor, sondern die eigentliche Grundlage funktionierender Zusammenarbeit über Jahre hinweg.
- Mit 60 Jahren einen bewussten Neuanfang zu wagen, ist keine Notlösung, sondern nutzt genau das Erfahrungswissen, das Studien älteren Fachkräften attestieren.
Was in den Rückmeldungen wirklich steht
Eine langjährige Weggefährtin aus dem Objekt schrieb mir Worte, die ich seitdem oft gelesen habe:
„Bevor du das Kapitel Objektleitung Dreischeibenhaus heute hinter dir lassen wirst, möchte auch ich die Gelegenheit nutzen, mich von Herzen bei dir für die wirklich tolle Zusammenarbeit bedanken. Ich finde, wir können mit Stolz auf eine erfolgreiche, gemeinsame Zeit im Dreischeibenhaus zurückblicken, die zwar von stetigen Herausforderungen aber gleichzeitig immer von großer Wertschätzung und Teamgeist geprägt war. Auch wenn ich die Zusammenarbeit mit dir schmerzlich vermissen werde, haben wir uns doch unabgesprochen ein ganz gutes Timing überlegt. Nun wünsche ich dir für deine neue Herausforderung viel Erfolg, Glück und Zufriedenheit und hoffentlich auch mal ein paar entspanntere Phasen, die genug Raum für ein erfülltes Privatleben zulassen. Über LinkedIn sind wir ja bereits connected und ich bin mir sicher, wir sehen uns wieder! “
Genau diese Mischung zieht sich durch fast alle Rückmeldungen: stetige Herausforderungen, die offen benannt werden, und gleichzeitig eine Wertschätzung, die nicht aufgesetzt wirkt. Wenn man die Nachrichten nebeneinanderlegt, fällt zuerst auf, wie selten es um konkrete Leistungen geht. Kaum jemand schreibt „die Reinigungsqualität war top“ oder „die Reaktionszeiten waren kurz“. Stattdessen tauchen immer wieder dieselben Begriffe auf. Eine Kundin aus der Hausverwaltung brachte es so auf den Punkt:
„Ihre Arbeit hier im Dreischeibenhaus war für uns stets angenehm unkompliziert: verlässlich, lösungsorientiert und immer mit einem offenen Ohr. Genau das ist keine Selbstverständlichkeit und habe ich in anderen Objekten auch schon anders erlebt.“
Dieser Vergleich mit anderen Objekten fiel mehrfach, unabhängig voneinander formuliert. Er sagt weniger über einzelne Vorfälle aus als über eine Grundhaltung, die über Jahre spürbar geblieben ist.
Ein zweiter Punkt zieht sich ebenfalls durch fast alle Rückmeldungen: die offene Erwähnung, dass es nicht immer einfach war. Eine langjährige Ansprechpartnerin aus dem Objekt schrieb dazu:
„Wir hatten nicht so oft zu tun, bis auf den Ausfall des Generators. Was dann mit der temporären Lösung sehr gut funktioniert hat, wo es nicht ganz einfach mit den Parkplätzen war.“
Kein großes Wort über Führung oder Zusammenarbeit – nur die nüchterne Feststellung, dass es am Ende funktioniert hat, trotz beengter Platzverhältnisse und unter Zeitdruck. Auch das ist eine Form der Anerkennung, vielleicht sogar eine ehrlichere als die ausformulierten Dankesworte.
Und dann gab es die Rückmeldungen, die auf hohe Erwartungen eingegangen sind, die ich selbst gestellt habe. Ein Kollege aus dem technischen Bereich fasste es so zusammen:
„Auch wenn du oft viel verlangt hast – es war immer spürbar, dass es dir um Qualität, um die Menschen im Haus und um ein gutes gemeinsames Ergebnis ging. Das wurde von uns allen geschätzt.“
Diese Kombination aus klarem Anspruch und Wertschätzung für die Menschen, die die eigentliche Arbeit leisten, war mir während der aktiven Objektleitung selten so klar bewusst wie beim Lesen dieser Zeilen im Rückblick. Auch ein Mieter des Hauses bedankte sich in diesem Sinne:
„Ich kann mich auch nur bedanken für Ihre ganze Hilfe, der guten Kommunikation und Ihrer Geduld mit uns als Mietern.“
Warum Vertrauen keine weiche Größe ist
In einem Objekt wie dem Dreischeibenhaus arbeiten viele Parteien parallel: Reinigungsdienstleister, technische Gewerke, Vermieter, Mieter, wechselnde Nachunternehmer für Sonderaufgaben. Objektleitung bedeutet in einem solchen Umfeld weniger, alles selbst zu kontrollieren, als vielmehr, verlässliche Strukturen zu schaffen, in denen sich andere auf eine Zusage verlassen können. Ein Dienstleister aus dem technischen Umfeld, der nur sporadisch mit mir zu tun hatte, formulierte es ungewohnt offen:
„Ich bin es bei [meinem Arbeitgeber] nicht gewohnt, dass man sich für gute Leistungen bedankt. Aber egal. Ich wünsche dir persönlich alles erdenklich Gute für deinen weiteren Lebensweg.“
Diese Zeilen zeigen, dass Wertschätzung im Tagesgeschäft oft die Ausnahme ist – und dass sie genau deshalb hängen bleibt, wenn sie einmal ausgesprochen wird. Das deckt sich mit einer breiteren Entwicklung in der Führungsforschung. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung im Rahmen des Projekts zu Arbeits- und Lebensperspektiven kommt zu dem Schluss, dass klassische, lineare Führungsstrukturen den heutigen Anforderungen zunehmend nicht mehr gerecht werden und stattdessen flexiblere Formen der Führung gefragt sind, die Eigenständigkeit und Vertrauen stärker in den Mittelpunkt stellen.1 Für ein Objekt mit ständig wechselnden Beteiligten, akuten Störungen und engen Zeitfenstern ist das keine abstrakte These, sondern gelebte Praxis: Wer jede Entscheidung an sich zieht, wird bei einem Generatorausfall um Mitternacht nicht handlungsfähig sein. Wer Vertrauen aufgebaut hat, schon.
Erfahrung als Ressource, nicht als Auslaufmodell
Mehrere Rückmeldungen haben einen Punkt angesprochen, der mich besonders berührt hat: die Anerkennung dafür, mit 60 Jahren noch einmal bewusst einen neuen Weg einzuschlagen. Eine Ansprechpartnerin aus der Verwaltung schrieb dazu unumwunden:
„Es verdient großen Respekt, mit 60 Jahren noch einmal bewusst einen neuen Weg einzuschlagen.“
Das wurde nicht als Kuriosität kommentiert, sondern als Mut gewürdigt. Diese Reaktion passt zu einem Bild, das sich in der Fachkräfteforschung zunehmend durchsetzt: Ältere Beschäftigte werden nicht mehr in erster Linie als Auslaufmodell betrachtet, sondern als Träger von Erfahrungswissen, das für Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) hält fest, dass ältere Fachkräfte leistungsfähig und gut ausgebildet sind und ihr Wissen eine wichtige Ressource darstellt, die durch gezielten Austausch – etwa in Lerntandems – im Unternehmen gehalten werden sollte.2 Eine aktuelle Kompakt-Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft für das KOFA geht noch weiter und beschreibt die Erfahrung älterer Beschäftigter ausdrücklich als Potenzial, das stärker genutzt werden sollte – gerade in Berufsfeldern wie Bau, Gebäudetechnik und verwandten Bereichen, in denen schon heute eine spürbare Fachkräftelücke besteht.3
Das trifft ziemlich genau das, was ich in den letzten Jahren im Dreischeibenhaus erlebt habe: Vier Jahrzehnte Erfahrung im Handwerk, im technischen und kaufmännischen Facility Management lassen sich nicht durch ein Studium ersetzen, aber auch nicht einfach in Rente schicken. Sie sind ein Werkzeugkasten, den man am besten dann einsetzt, wenn man noch einmal bewusst entscheidet, wo er gebraucht wird – nicht aus Zwang, sondern aus Erkenntnis.
Was daraus bleibt
Ich habe diesen Artikel nicht geschrieben, um mich selbst zu loben. Die Rückmeldungen, die ich bekommen habe, sagen weniger über mich als Person aus als über das, was in einem komplexen Objekt tatsächlich zählt: Verlässlichkeit, die auch in Stressphasen trägt. Klarheit in den Erwartungen, ohne die Menschen dabei zu vergessen. Und die Bereitschaft, auch nach Jahrzehnten noch einmal etwas Neues zu wagen, statt sich auf dem Erreichten auszuruhen.
Für mich ist dieses Kapitel jetzt geschlossen. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass gute Objektleitung nicht an einzelnen Vorfällen gemessen wird, sondern an dem, was Menschen im Rückblick sagen, wenn sie nichts mehr von einem wollen. Das ist die ehrlichste Form von Feedback, die es gibt.
Quellen
- Bertelsmann Stiftung: Neues Arbeiten – Führungskultur im Wandel. bertelsmann-stiftung.de ↩
- KOFA – Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung: Ältere Fachkräfte. kofa.de ↩
- Institut der deutschen Wirtschaft (IW) / KOFA Kompakt 4/2024: Ältere Beschäftigte am Arbeitsmarkt – wertvolle Erfahrung stärker als Potenzial nutzen. iwkoeln.de ↩



