Was die Tarifrunde 2026/27 für uns alle bedeutet
Am 15. Juni war Internationaler Tag der Gebäudereinigung – und in diesem Jahr fiel er mit einer Nachricht zusammen, die die Branche in den nächsten Monaten beschäftigen wird: Die IG BAU hat ihre Lohnforderungen für die kommende Tarifrunde veröffentlicht.3 Zwei Euro mehr pro Stunde für alle Lohngruppen. Das klingt zunächst nach einer schlichten Zahl – aber dahinter steckt eine komplexe Realität, die weit über Verhandlungstische hinausgeht.
Das Wichtigste in Kürze
- Die IG BAU fordert zwei Euro mehr pro Stunde für alle Lohngruppen – das entspricht über 13 Prozent auf den aktuellen Branchenmindestlohn.
- Beide Seiten haben nachvollziehbare Argumente: Beschäftigte brauchen eine Lohnentwicklung, die mit den Lebenshaltungskosten Schritt hält – Betriebe operieren in einem Markt mit dünnen Margen und steigenden Nebenkosten.
- Die erste Verhandlungsrunde findet erst am 9. September 2026 statt; bis dahin ist eine belastbare Budgetplanung für 2027 für Kunden und Dienstleister gleichermaßen kaum möglich.
Was gefordert wird – und warum
Zwei Euro mehr auf den aktuellen Branchenmindestlohn von 15 Euro bedeuten rechnerisch über 13 Prozent Steigerung. Für Fachkräfte in Lohngruppe 6, die heute 18,40 Euro verdienen, wären es knapp elf Prozent. Das klingt viel. Aber man muss es in den richtigen Zusammenhang setzen.
Mieten sind in den letzten Jahren gestiegen. Lebensmittel kosten mehr. Energie, Mobilität, Kinderbetreuung – die Lebenshaltungskosten haben sich für viele Beschäftigte spürbar erhöht.1 Wer in der Gebäudereinigung arbeitet, leistet täglich unverzichtbare Arbeit – früh morgens, spät abends, oft unsichtbar. Dass diese Menschen von ihrem Einkommen auch tatsächlich leben können müssen, ist keine gewerkschaftliche Symbolpolitik. Es ist eine schlichte Frage der Würde und Gerechtigkeit.
Was die Forderung konkret für die einzelnen Lohngruppen bedeuten würde, zeigt diese Übersicht:4
| Lohngruppe | Tätigkeitsbeispiel | Aktueller Lohn | Forderung (+2,00 €) | Steigerung |
|---|---|---|---|---|
| LG 1 | Unterhaltsreinigung (Innenreinigung) | 15,00 € | 17,00 € | +13,3 % |
| LG 2 | Einfache Reinigungsarbeiten mit Zusatzanforderungen | 15,46 € | 17,46 € | +12,9 % |
| LG 3 | Reinigung mit besonderen Anforderungen | 15,95 € | 17,95 € | +12,5 % |
| LG 4 | Fachlich anspruchsvolle Reinigung | 16,66 € | 18,66 € | +12,0 % |
| LG 6 | Glas- und Fassadenreinigung (Branchenmindestlohn Fachkraft) | 18,40 € | 20,40 € | +10,9 % |
| LG 7 | Glas- und Außenreinigung mit Fachkenntnissen | 19,39 € | 21,39 € | +10,3 % |
| LG 8 | Spezialisierte Reinigungsfachkraft | 20,42 € | 22,42 € | +9,8 % |
| LG 9 | Fachvorarbeitende, Glas- und Außenreinigung | 21,64 € | 23,64 € | +9,2 % |
Was die Arbeitgeber sagen – und warum das auch stimmt
Der Bundesinnungsverband der Gebäudereiniger (BIV) hat die Forderungen klar zurückgewiesen. Und auch hier gibt es Argumente, die man nicht einfach beiseiteschieben sollte.2
Die Gebäudereinigung ist eine personalintensive Branche. Lohnkosten machen 70 bis 80 Prozent der Betriebskosten aus. Wenn Kunden aus Industrie und Verwaltung Aufträge reduzieren, wenn gleichzeitig Sozialversicherungsbeiträge und Nebenkosten steigen – dann ist die Luft dünn. Kein seriöser Dienstleister kann Lohnsteigerungen in dieser Größenordnung einfach aus der Portokasse bezahlen.
Beide Seiten haben also recht. Das ist das eigentliche Problem.
Was das für Kunden und die Planung bedeutet
Die erste Verhandlungsrunde findet erst am 9. September 2026 statt. Bis ein Ergebnis vorliegt – erfahrungsgemäß nach mehreren Runden – können Monate vergehen. Das schafft ein praktisches Problem, das in den öffentlichen Debatten kaum erwähnt wird: Weder Dienstleister noch ihre Kunden können das Jahr 2027 belastbar budgetieren oder planen.
Wie hoch werden die Lohnkosten sein? Was muss kalkuliert werden? Welche Preise sind realistisch? All das bleibt offen, solange kein Tarifabschluss vorliegt. Für Unternehmen, die ihre Reinigungsleistungen ausschreiben oder verlängern wollen, bedeutet das: Man plant mit Unsicherheit. Das ist kein Vorwurf – es ist die Realität einer Branche, in der Tarifverhandlungen strukturell diese Lücke hinterlassen.
Meine Einschätzung
Ich sehe diesen Herbst mit gemischten Gefühlen – aber ohne Panik. Die Forderung der IG BAU ist nachvollziehbar und menschlich berechtigt. Die Gegenhaltung des BIV ist wirtschaftlich verständlich. Was am Ende herauskommt, wird irgendwo dazwischen liegen – wie immer.
Was mich mehr beschäftigt als die Forderungshöhe: die Planungsunsicherheit bis zum Abschluss. Kunden, die jetzt Budgets für 2027 aufstellen, tun das im Grunde blind. Dienstleister, die Angebote kalkulieren, arbeiten mit Schätzungen. Das ist eine strukturelle Schwäche des Systems, die weit mehr kostet als die Tarifrunde selbst.
Wer aktuell Reinigungsverträge plant oder verlängert, sollte Flexibilität einbauen, offen über die Unsicherheit sprechen und auf Partner setzen, die transparent kommunizieren – auch dann, wenn die Antworten noch nicht feststehen. Die Entwicklungen dieser Tarifrunde werde ich hier weiter kommentieren.
Wie seht ihr das? Plant ihr aktuell Reinigungsverträge für 2027 – und wie geht ihr mit der Unsicherheit um? Schreibt es in die Kommentare. Je mehr konkrete Einblicke aus der Praxis zusammenkommen, desto klarer wird das Bild.
Quellen
- Statistisches Bundesamt: Verbraucherpreisindex und Reallohnentwicklung. destatis.de ↩
- Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks: Pressemitteilung zur Tarifrunde 2026/27 – Arbeitgeber weisen 13-Prozent-Vorstoß der IG BAU entschieden zurück. die-gebaeudedienstleister.de ↩
- IG BAU: Tag der Gebäudereinigung – Anerkennung und Respekt, Pressemitteilung zur Lohnforderung 2026/27. igbau.de ↩
- Lohntarifvertrag Gebäudereiniger-Handwerk 2025/2026 – Stundenlöhne je Lohngruppe ab 1. Januar 2026. pland.app ↩



